Wilhelmsburg!

Wenn man sich in Hamburg einen Stadtplan geben lässt, sieht der meist so aus: Fast ganz unten ist die blaue Elbe, darüber die Stadt mit St. Michaelis, Schanze, Jungfernstieg und Außenalster. Wilhelmsburg kommt da nicht vor, und wenn man auf der Insel lebt, ist man daran gewöhnt, dass sie überhaupt selten in den Gedanken der Hamburger zu finden ist. Die meisten kennen vor allem die Schilder der Autobahnabfahrten und haben eher verschwommene Ideen vom flächenmäßig größten Stadtteil Hamburgs. Als ich von zwei Jahren herzog, habe ich meine Vormieterin als Erstes gefragt, ob ich von der Bushaltestelle bis zum Hauseingang komme, ohne überfallen zu werden. Ich erntete ein müdes Lächeln – das gleiche, das ich inzwischen für solche Fragen übrig habe. Wenn also der Autor der Herzdamengeschichten dazu aufruft, über den „Rest von Hamburg“ zu schreiben, fällt mir sofort mein Wilhelmsburg ein. Kein Teil Hamburgs ist wohl so stark „Rest“ wie dieser.

Was macht es so besonders, hier zu leben? Zuerst einmal ist Wilhelmsburg eine Insel. Die Insulaner von hier erwähnen gern, dass es die größe Flussinsel Europas ist. Und sie benehmen sich wie alle anderen Inselbewohner (Sylt, Großbritannien, Helgoland, Kuba) auch. Sie sind sehr stolz auf ihr Eiland und können sich ohne weiteres vorstellen, ohne die restliche Welt auszukommen. Mir geht es inzwischen ganz genauso. Von der Großstadt links liegen gelassen, lesen wir unsere lokalen Anzeigenblättchen, um zu erfahren, was es bei uns Neues gibt. Wir erzählen uns: „Übrigens, es gibt jetzt eine Eisdiele im Reiherstiegviertel und eine Currywurstbude, aber die ist geschlossen.“ Das versteht keiner, der nicht hier lebt. Denn in Wilhelmsburg gibt es längst nicht alles, was man von einer Großstadt gewohnt ist. Kein Karstadt, keine Fachgeschäfte, kaum gute Restaurants, keinen Copyshop, kein richtiges Einkaufszentrum. Dafür sehr viele und oft sehr gute Dönerimbisse, massenweise Kulturvereine und ein paar Kneipen von der Sorte, in denen alte Männer hocken, die sehr ausgeprägte Ansichten haben.

Das verleiht unserem „Willy“ ein eher kleinstädtisches Ambiente. Was wie ein Mangel wirkt, macht uns trotzig und erfindungsreich. So gibt es hier die „Inseldeerns“, einen bekannten Frauenchor. Die Jungs von „Django de Luxe“ spielen entspannten Gypsy-Swing und haben ihr neuestes Album nach unserer Elbinsel benannt. Einmal im Jahr veranstalten sie mit den anderen Mitgliedern ihrer europaweiten Familie ein Festival der Zigeunermusik, das ein ganzes Wochenende dauert und auch Fans vom Festland anzieht. Ein anderes Highlight ist „48h Wilhelmsburg“, wo es von der Kantate bis zur Sambagruppe Verschiedenstes auf die Ohren. Wir haben „Tage der offenen Ateliers“, hier gab es ein Projekt mit einem unter freiem Himmel gebauten Pizzaofen, und alle bewundern uns für die einmalige Soul Kitchen Halle. Wenn zwei Künstlerinnen mit einem selbstgebastelten Floß von Dresden die Elbe herunter schippern, dann endet ihre Fahrt … na wo wohl? Wo hat jemand der hiesigen Buslinie, einem multikulturellen Unikum, ein eigenes Buch und eine Facebookseite gewidmet? Beides heißt „Die Wilde 13“, wie die Einwohner ihren oftmals prall gefüllten Bus nennen. Und dann gibt es eine absolut einmalige Kochshow, in der ein Wilhelmsburger verschiedene Künstler und Musiker zu „Konspirativen Küchenkonzerten“ zu sich nach Hause einlädt. Daraus macht er eine TV-Sendung, die es ins Programm von ZDF Kultur geschafft hat.

Jetzt piept mein Handy wieder, während ich gerade in einer anderen Stadt unterwegs bin: die neueste Sturmflutwarnung für mein Postleitzahlengebiet. So einen Gruß von zu Hause bekommen weder die Barmbeker noch die Münchener. Dazu muss man schon in Wilhelmsburg wohnen.

(Sorry, hier fehlt natürlich sehr viel: die IBA, die igs, die Gentrifizierung … Wer also mehr über die schönste Flussinsel der Welt erfahren will, liest die restlichen Beiträge dieses Blogs.)

17. November 2012