Wo geht’s lang?

Schilder

Täglich ist unser Stadtteil in der Presse. Bäume werden gefällt, das Verkehrschaos befürchtet. Manche freuen sich auf eine Masse Touristen, andere haben Angst vor explodierenden Mieten. Gemeinsam fragen sich alle: Wo geht es hin mit Wilhelmsburg? Endlich wissen wir Bescheid, denn hier ist der Wegweiser!

07. November 2011

Slachtfest an de Möhl

Jeder kennt Wilhelmsburg als Industriegebiet. Doch die Elbinsel ist viel zu groß, um nur Werften, Fabriken und Hochhäuser zu umfassen, es gibt sogar richtige Dörfer. Kirchdorf allerdings ist eher eine Art Freilichtmuseum mit einer alten Dorfkirche, einem Amtshaus, einem historischem Gasthof und einer liebevoll renovierten Windmühle mit Namen „Johanna“. Heute war dort Schlachtefest, wie es früher üblich war. Ausrichter ist der sehr rührige Mühlenverein, dessen Aktivitäten man auf seiner Website findet.

Erster Programmpunkt ist das „Schweinewiegen“. Die dörflichen Experten kaufen eine Art Los, auf dem vermerkt wird, für wie schwer sie das Schwein halten. Wer dem wirklichen Gewicht am nächsten kommt, gewinnt.

Auch die Mühle Johanna selbst ist zu besichtigen. Ich durfte sogar am Verbotsschild vorbei auf die Galerie hinaustreten, wo mir ein ebenso kompetenter wie freundlicher junger Herr alles über historische Mühlen, ihre Funktion und ihre Pflege erzählte. Ich weiß jetzt, dass eine Mühle umso jünger bleibt, je häufiger sie läuft – das ist wie beim Menschen. Außerdem hat mit der junge Mann erzählt, dass es in jeder historischen Mühle einen Umdrehungszähler gibt. Dazu gehört ein Wettbewerb, den die Mühle gewinnt, deren Flügel sich am häufigsten drehen. Wer sich für die Einzelheiten und eine sachkundige Führung interessiert, auch den verweise ich auf die Website.

Die Kirchdorfer lieben ihre „Johanna“, sie ist der beliebteste Vorgartenschmuck.

06. November 2011

Wir feiern 50 Jahre Anwerbeabkommen.

Gestern  gab es eine Feier in unserem Bürgerhaus, weil das deutsch-türksche Anwerbe- abkommen 50 Jahre alt geworden ist. Wie das bei solchen Feiern ist, jeder auf dem Podium hatte was zu sagen. Am lustigsten war ein türkischer Opa, der vorführte, wie er damals als junger türkischer Mann ein Huhn nachmachte, um Eier kaufen zu können. Andere Beiträge waren weniger lustig. Die auf dem Podium sitzenden Mitbürger anatolischer Herkunft wurden gefragt, welche Kritikpunkte sie gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft vorbringen möchten. Sie antworteten, dass sie sehr stolz auf ihre Kinder seien, die es zu etwas gebracht hätten. Auch eine Antwort auf die Frage, und eine sehr diplomatische dazu!  Vorher betonte die Moderatorin übrigens, vielleicht wäre der Stadtteil, in dem wir wohnen, ein ganz anderer geblieben, wenn keine Ausländer hierher gekommen wären. Eine gewagte These! Ich denke mal, zumindest würde es wesentlich weniger Dönerbuden geben, was ich persönlich sehr bedauern würde.

Die leider viel zu selten zu hörende Musik kam von der Gruppe Mosaik.

05. November 2011

Vorfreude.

Nur noch kurze Zeit, dann ist der Titel für dieses Blog fertig und kann eingesetzt werden. Gezeichnet wird er im fernen London von meinem Lieblings-Comiczeichner. Ralf Zeigermann ist auch bekannt als The Cartoonist und führt unter diesem Titel ein lesenswertes Weblog zu so unterschiedlichen Themen wie Design, Werbung, Punk, Arno Schmidt, Spielzeug und Katzen. Obwohl in Dortmund geboren, kennt er sich mit Hamburg bestens aus. Er hat hier als Art Director gearbeitet, bevor die Liebe zum Land ihn nach Brittanien verschlug. Connections zur Elbinsel hat Ralf Zeigermann auch, sein Onkel war für Haltermann tätig. So ist es kein Wunder, dass er, als er vom neuen Trendviertel Wilhelmsburg hörte, spontan ausrief: „Was? Ausgerechnet Wilhelmsburg?“

PS: Jetzt kann man unseren Wasserturm prima erkennen!

30. Oktober 2011

Fünf Uhr morgens.

Es ist fünf Uhr morgens. Samstag. Ich stehe an der Haltestelle. Der Bus Nummer 13, von manchen Einwohnern hier „Wilde Dreizehn“ genannt, spuckt ein paar Nachtschwärmer aus. Ein Mädchen versucht, ihren komplett durchalkoholisierten Begleiter vermutlich in Richtung Bett zu lotsen. Sie hat ihre Mühe.

Der Bus ist fast leer, doch an jeder Station steigen viele müde Gesichter ein. Genauso viele wie an einem normalen Werktag. Männer mit Umhängetaschen, Frauen mit übergroßen Handtaschen oder mit Rucksäcken, an denen kleine Stofftiere baumeln. Man begrüßt sich, man kennt sich, doch dann schweigen die Meisten. Viele schließen noch für einen Augenblick die Augen, bevor der Arbeitstag beginnt. Alle Hautfarben sind vertreten, die Kleidung bewegt sich fast immer im grauen Bereich. Zwei bis drei Stationen vor dem Bahnhof Veddel ist der Bus voll. Ein paar aufgekratzte junge Frauen in Nachtschwärmer-Klamotten wirken wie Paradiesvögel in diesem übermüdeten Bus. Eine Szene, die so gar nichts mit der Büro-Wirklichkeit zu tun hat, wie ich sie in Hamburg sonst erlebe.

Fünf Uhr dreißig, die S-Bahn kommt, auch sie ist voll. Hafenarbeiter tragen schon ihre grellfarbenen Schutzjacken. Ich denke, dass alle diese Menschen unterwegs zu ihrer Schicht sind. Wahrscheinlich gehören sie zu denen, die unsere Infrastruktur aufrecht erhalten. In Krankenhäusern, in Bussen und Bahnen, in Hotels, Bahnhöfen, Flughäfen und so weiter. Vielleicht ist es albern, aber heute morgen bin ich total fasziniert von dieser schweigenden Armee, die über die Elbbrücken in Richtung Innenstadt unterwegs ist.

Die Nachtschwärmer-Mädels haben es sich in meiner Nähe bequem gemacht. Ihr Gespräch dreht sich darum, wer in der vergangenen Nacht wen geküsst oder nicht geküsst hat und wer deshalb eine Schlampe ist. Ach ja, und die Kopfhörer vom Handy sind kaputt, da werden neue gebraucht, natürlich in weiß. Gegenüber sitzt ein junger Mann in einem mittelalterlichen Mönchsgewand. Kommt er von einer Halloween-Party oder ist er unterwegs zu einem Ritterturnier? Er trägt Jeans unter der Kutte, also ist er offensichtlich kein Zeitreisender.

Der Dammtor-Bahnhof ist völlig leer und mit Bildern von Kürbisfratzen geschmückt. Bahnhöfe sind heute auch Erlebnis- und Konsumräume. Vor ein paar Monaten in Polen war ich völlig fasziniert von einem Bahnhof, der nichts als ein Bahnhof war. Egal, da kommt mein ICE. Ich steige ein – und bin allein.

29. Oktober 2011

Prost!

Seit über zehn Jahren wird der Wilhelmsburger Deichbruch, ein hochprozentiger Kräuterlikör, wieder auf der Insel produziert. Auf der Website des Museums Elbinsel Wilhelmsburg findet man auch eine kleine Filmreportage von HH1.

25. Oktober 2011

Hausboote am Berliner Ufer

Drittes Boot

einHausboot

Det 2.

Der Klütjenfelder Hauptdeich ist von der daneben verlaufenden Harburger Chaussee durch einen Zaun getrennt. Hier verlief (und verläuft wohl noch) die Zollgrenze zum Freihafen. Jetzt gibt es mehrere Löcher in diesem Zaun, das sehr ruhige  Berliner Ufer und das Potsdamer Ufer können zur Erholung genutzt werden, zum Joggen oder zum Spaziergang mit dem Hund. Seit vielen Jahren wohnen hier auch Menschen in selbstgebauten Hausbooten. 

Viele Hamburger würden gern so wohnen, doch es gibt nur wenige Plätze. Bisher hörte man eher von behördlichen Behinderungen. Wer sich jetzt im Netz informiert, findet Unternehmen, die Designer-Hausboote verkaufen. Mal sehen, ob es hier am Berliner Ufer irgendwann eine schwimmende Gentrifizierung geben wird.

24. Oktober 2011

Eine neue Welt.

Ein Jahr bin ich jetzt in Wilhelmsburg. Als ich herkam, hatte ich mir vorgestellt, hier Abenteuer zu erleben und eine kleine „neue Welt“ zu erkunden. Ehrlich gesagt: Genauso ist es gekommen.

Natürlich ist Wilhelmsburg ein Teil von Hamburg und unterscheidet sich nur wenig von anderen Bezirken der Hansestadt. Man muss genau hinsehen. Dann aber nimmt man sie wahr, die LKW-Schlangen, die Großfamilien, die Gruppen von palavernden jungen Männern, die Kioske, die Arbeitertrupps und eine Welle selbstbewusster Studenten nach der nächsten. Der Charme ist rauh, aber herzlich.

Manchmal denke ich, so muss sich Kreuzberg in den Siebzigern angefühlt haben, als der Bezirk noch nicht „alternativ“ war, sondern einfach er selbst. Doch zwischen Kreuzberg und Neukölln auf der einen Seite und Wilhelmsburg auf der anderen gibt es einen sehr wichtigen Unterschied. Wilhelmsburg ist kein Stadtbezirk. Es liegt zwar mitten in Hamburg, aber nicht im Stadtkern. Keine Innenstadtkarte verzeichnet uns hier, kaum ein Hamburger, der nicht hier wohnt, ist schon mal hier gewesen. Unsere kleine „Innenstadt“ ist nur ein paar Häuserblocks breit und eingezwängt zwischen Autbahn, Hafen und Gleisen. So ist ein Biotop entstand, ein städtebaulicher Libellenteich, in dem es Lebensformen gibt, die anderswo längst angepasst und ausgestorben sind.

Jetzt will die Stadt Hamburg ihre „abtrünnige Provinz“ zurückerobern. Mit Baustellen, investierten Millionen und jeder Menge PR. Wir hier – längst schließe ich mich in das „wir“ ein – beobachten das sehr kritisch. Abwarten!

24. Oktober 2011

Ich will zurück nach Wilhelmsburg

Vor ein paar Wochen haben meine Lieblingsbegleiterin und ich die Elbinsel verlassen, um eine Nordseeinsel zu erkunden. Keine gewöhnliche Nordseeinsel natürlich, sondern „die“ Nordseeinsel, auf der mehr Starlets als Hühner herumlaufen, wenn man der Klatschpresse glauben darf. Das Wetter war gewöhnungsbedürftig, die Preise auch, von den Prominenten sahen wir vor allem Hecken und äußerst kostspielige Fahrzeuge. Dieser neumodische Trend des Autos-Anzünden scheint nicht bis hier vorgedrungen zu sein, was komisch ist, normalerweise übernimmt man doch den Hauptstadt-Lifestyle ungefragt.

Was soll ich sagen? Es hat nicht ganz bis zum Ende des ersten Tages gedauert, bis das Heimweh nach der Elbinsel so deutlich zu vernehmen war wie das Tuten der QM2 von den Landungsbrücken. Dieses ganze Getue, das einen von Gosch bis zur Friedrichstraße nicht in Ruhe lässt, dieser Herdentrieb zur Sansibar, das alles erinnert mich an einen überdimensionierten Friseursalon der Extraklasse, recht so, der Herr, recht so die Dame? Selbst der „Dorfgasthof“, wo wir am ersten Abend unser Bier zu genießen versuchten, verfügte über eine eigene Fashion Range, an den Wänden hingen käufliche Gemälde und im Klo konnte man sich mit Eau de Toilette Marke Sylt vollspritzen.

Erst als wir vier Tage später aus dem Regionalzug purzelten, wusste ich, was ich vermisst hatte: Vor lauter Porsche SUVs gabs keine Trucks & Trailers, alle Menschen waren weiß und sprachen deutsch, alle Restaurants machten auf „was Besonderes“. Nichts war einfach so, wie es war. Außer natürlich die Dünen. Aber Dünen sind nicht so meins.

31. August 2011

Kochen macht glücklich. Musik aber auch.

Fernsehen ist nicht meine Lieblingsbeschäftigung, weshalb ich auch keinen Apparat dazu im Haushalt vorhalte. Das Vertrackte am TV ist, dass es einem das Gefühl gibt, man sei bei einem Ereignis live dabei, doch das stimmt nicht. Besonders klar ist mir das wieder geworden, als ich die Aufzeichnung einer Fernsehshow miterleben durfte. Nicht irgendeine Show natürlich – ich setz‘ mich doch nicht in Gottschalks Arena – sondern die coolste Show überhaupt: „Konspirative KüchenKonzerte“ heisst sie, produziert wird sie in der Küche des Moderators Marco Antonio Reyes Loredo in Hamburg-Wilhelmsburg. Am Samstag, 13.8.2011 traf dort die Band Superpunk auf den Künstler Armin Chodzinski. Ich war dabei – in der letzten Reihe ganz links!

Vielleicht hatte ich ja gedacht, da probieren ein paar Leute mit einer Videocamera herum. Weit gefehlt! Vor den Kameras wird gekonnt über Anzugmode, Gustav Metzger und die Ealing School of Art parliert, dahinter herrscht eine ebenso professionelle wie gutgelaunte Atmosphäre, dass sich meine Augen nie entscheiden können, wohin zuerst gucken. Eine Fernsehshow unter live-Bedingungen aufzuzeichnen ist so wie einen Großsegler zu fahren: Jeder hat seine Aufgabe, jeder Griff sitzt, die Kameraleute flitzen in Höchstgeschwindigkeit zwischen den Zuschauern durch, stützen sich auch mal auf fremdem Schultern ab. Der Aufnahmeleiter gibt Kommandos in sein kleines Mikro, während die Wünsche der Regie aus dem Container vor der Tür in seine Ohren strömen. Die Maske wischt, tupft und reinigt auch mal den Anzug des Moderators. Die Set-Fotografin ist überall gleichzeitig, als hätte sie fünf Zwillingsschwestern dabei. Der stumme Diener mixt, serviert, mixt, serviert, als hätten die Hunnen Harrys New York Bar gestürmt. Und natürlich gibt es darüber hinaus noch mindestens 100 helfende Hände, die hier nicht erwähnt werden können.

Mir macht es immer wieder Spaß, Leuten zuzusehen, die machen, was sie wollen. Vor allem, wenn sie es so gut können wie die „Köche“ der Konspirativen KüchenKonzerte. Am 2.9.2011 kann man die Show übrigens in ZDF Kultur erleben – aber eben nur im Fernsehen.

16. August 2011